Wenn Jesus nicht nur ein Mythos, sondern ”Wahrer Mensch” war, muß ihm - zumal wenn er auch ”Wahrer Gott” war, die Situation des "Menschen im Kosmos" bis in die letzte Konsequenz bewußt gewesen sein:
Diese Situation beruht darauf, daß der Mensch den "logos" hat, ein "Vernunftwesen" ist.
Die Vernunft des Menschen hat jedoch den Menschen zu einer Aufspaltung seiner "Welt" in ein "Reich der Natur" und in ein "Reich der Vernunft" geführt:
Die Urteilskraft des Menschen erbringt den Nachweis einer durchgängigen Lebendigkeit in der "empirischen Natur" und im korrespondierenden "geistigen Wesen".
Das eröffnet eine Einheit, die nicht bloß im Gefühl gegenwärtig ist, sondern auch die Begriffe einbezieht.
Die Polarität von Mechanik und Teleologie, Sinnlichkeit und Vernunft, Natur und Frei-heit, Welt und Gott muß jedoch in einer einzigen Realität begründet sein, andern-falls dies alles ohne Sinn bliebe.
Die beiden "metaphysischen Reiche", also die Gesamtheit der physischen Dinge unter dem Titel "Welt" und das Ganze der "intellegiblen Einsicht" unter der Gesetzgebung der Vernunft müssen miteinander verbunden werden können und verbunden werden: Diese Verbindung ist die "kosmische Aufgabe" des Menschen.
Für die "Einheit der Welt" (im umfassendsten Sinne) ist niemand anders empfänglich und zuständig - als der Mensch.
In allem aber wirkt offenbar eine ”lebendige Kraft”; sie wirkt so, daß "ein Ganzes" vor-stellbar wird und gelebt werden kann.
Zwischen Gott und der Welt kommt dem Menschen eine zentrale Stellung zu, denn der Mensch hat Gott und die Welt miteinander zu verbinden.
Der Mensch steht "in der Mitte"; als ”Weltwesen” und ”Weltbürger” repräsentiert der Mensch die physischen und die göttlichen Gesetze:
Diese Mitte ist kein kosmologisch ausgezeichneter Standpunkt, kein vorgegebenes ontologisches Zentrum, sondern nur Kennzeichen einer Funktion zwischen Natur und Vernunft, der durch Selbsttätigkeit zu genügen ist.
Der Mensch versteht im Grunde nur das, was er selbst machen kann.
Mit der Aufgabe, Gott und die Welt miteinander zu verbinden, ist der Mensch allein im All - in ewiger ungeheurer Einsamkeit.
Aber er ist nun eben - Einer und Alles; darum hat er auch ein Gesetzin sich, darum ist er selbst alles Gesetz (und keine irritierende Willkür).
In letzter Radikalität verlangt er von sich, daß er dieses Gesetz in sich - das Ge-setz seines Selbst - befolgt, daß er nur Gesetz sei, ohne Rück-Sicht hinter sich, ohne Vor-Sicht vor sich.
Es ist bestürzend: Aber es hat – allein auf den Menschen bezogen - weiterkeinen Sinn, daß er dieser Pflicht gehorcht (unsere Philosophen habe sich jedenfalls bisher vergeblich bemüht, dieser Pflicht einen vernünftigen Sinn zu geben).
Nichts ist dem Menschen, dem Alleinen – dem All-Einen – "von Natur" übergeordnet, außer dem, was er sich selbst überordnet - und wenn es Gott ist, das Maximum des Gesetzes.
Doch der unerbittlichen, keine Verhandlung mit sich duldenden, der "kategorischen" Forderung in sichselbst muß er nachkommen.
Diese Forderung heißt: Vollkommenheit - logische, ethische und ästhetische Voll-kommenheit. Deshalb sagt Jesus:
"Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist."
Der unter diesem Gesetz wahrhaft einsame Mensch lacht nicht und tanzt nicht, er schreit nicht und jubelt nicht:
Er hat es nicht nötig, Lärm zu machen, weil das All ihm - zu tief schweigt.
Nicht die Sinnlosigkeit einer Welt »von ohngefähr« ist ihm Pflicht, sondern sei-ne Pflicht ist ihm der Sinn des Alls.
Ja sagen zu dieser Einsamkeit (das ist das »Dionysische« Nietzsches in seiner letzten Konsequenz), das erst ist Sittlichkeit (ethos).
Wenn wir die Prädikate Jesu ”Wahrer Mensch” und ”Wahrer Gott” bewahren wollen, müssen wir davon ausgehen, daß Jesus die Situation "Mensch im Kosmos" kannte und daß er das Problem durch sein Leben und Wirken, aus seinemSein heraus gelöst hat.
Das verbreitete Christentum ist in der Nachahmung (imitatio) Jesu, in der Anbetung (adoratio) Christi und in einer leeren "Nächstenliebe" (caritas) erstarrt:
Es hat darüber den "Weg" vergessen, den Jesus gegangen ist und gewiesen hat.
Jesus verkündet die "Lösung" (die zugleich "Erlösung" ist), mit den Worten
”Ich-bin ‑ (das ist) der Weg, die Wahrheit und das Leben”.
”Ich-bin” wird vom verbreiteten Christentum auf das ”persönliche Sein" Jesu bezogen; die Worte beziehen sich aber auf das "Sein des Menschen" an sich (das geht auch aus der Folge der ”Ich‑bin”-Sätze in den Schriften des alten Israel - das Christentum hat diese Sätze immer auf Christus bezogen - und den Evangelien hervor).
Die Lösung des Problems "Mensch im Kosmos" liegt danach im ”Sein des Menschen”, die "Erlösung" entspringt diesem Sein, sofern es zu "wahrem Sein" wird:
Das ist der ”Weg” zur ”Wahrheit” und zum ”Leben”.
Gott hat diesen Weg durch die "Auferweckung" Jesu "von den Toten" beglaubigt:
Das ist der Angelpunkt unseres Glaubens.
Jesus ist der "exemplarische" Mensch geworden, ein Mensch, der dem Men-schen "Beispiel" sein kann und "Beispiel" sein soll.