"Christus" kommt vom griechischen chrisma (= Salböl) und bedeutet auf deutsch der "Gesalbte”:
Zur Zeit Jesu hofften die Juden auf den ”Gesalbten”, hebräisch = Messias, einen "Heilskönig" und "Befreier" Israels in einer erwarteten "Endzeit":
Jesus wurde auf Veranlassung der Pharisäer von den Römern als "falscher Messias" gekreuzigt.
Die Erwartungen der ersten Christen knüpften sich deshalb an die "Auferweckung" des gekreuzigten ”Messias”: Da die erwartete "Endzeit" ausblieb, hielt man die "Messiani-tät" Jesu für eine "verborgene", die sich nur im Glauben offenbare und im "Gottes-dienst" wirksam werde (Paulus).
Die ersten Christen wurden von ihrer Umgebung zunächst als Menschen beschrieben, die den ”Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen”.
Unter griechischem Einfluß trat die "messianische" Bedeutung Jesu zurück: Der ”Christus"‑Titel wird mehr und mehr wie ein zweiter Name Jesu gebraucht.
Bei den Juden war mit dem Messiastitel eng das ”Gottessohn”-Prädikat verbunden: Es bezeichnete eine "Rechtsstellung", nicht das Wesen des Titelträgers.
So spricht die frühe christliche Gemeinde Jesus in seiner Auferweckung von den Toten die Einsetzung in die "göttliche Sohnesfunktion" zu.
Unter griechischem Einfluß entwickelt sich aber ein viel weiter greifendes Verständnis des Sohnesprädikats:
Der "funktionale Charakter" der Gottessohnschaft wird "metaphysisch" verstanden:
Jesus wird als Gottessohn "Gott von Gottes Art".
Im Evangelium nach Johannes kommt es schließlich zu Aussagen, die die Wesensein-heit zwischen "Vater" und "Sohn" aussprechen und damit auch die "Präexistenz" des göttlichen Sohnes:
In der von Jesus gebrauchten ”Ich‑bin"-Formel, meint man, enthüllt sich entgegen al-lem Schein "der Sohn" als "göttliche Wirklichkeit":
Der Auferstandene wird ”Herr und Gott”.
Die griechischen Christen bringen die Würde des Christos Iesos in einzigartiger Weise zum Ausdruck - brechen damit aber endgültig mit dem frühen Christus-Verständnis und dem Christus-Verständnis der Anhänger Jesu unter den Juden:
Die ersten Christen verstehen den durch Jesus eröffneten Heilsweg als von der Auf-erstehung zur Wiederkunft Christi verlaufend:
Die "Herrschaft Gottes" wird in einem "linearem" Geschichtsverständnis als "kommende Herrschaft" gedacht.
Die griechischen Christen verstehen diesen Heilsweg in einem "mythologisch‑kosmolo-gischen" Schema:
Menschwerdung des Gottessohnes in Jesus ‑ Rückkehr des Gekreuzigten zum göttli-chen Vater als göttlicher Offenbarungsträger.
In diesem Schema hat die "Wiederkunft" Christi in einem "jüngsten Gericht" keinen Raum mehr:
An die Stelle eines apokalyptischen "Zeitaspektes" tritt ein kosmischer "Raumaspekt":
Die Herrschaft Gottes ist zunächst zeitlos "jenseitig".
Der Mensch Jesus wird bei den griechischen Christen allmählich als "physischer" Got-tessohn verstanden:
Für die Reichskirche ergibt sich daraus die Notwendigkeit, die "Göttlichkeit" Jesu mit dem Glauben an "Einen Gott" (Monotheismus) in Einklang zu bringen und die "göttliche Natur" Jesu mit seiner menschlichen Natur abzustimmen.
Daraus entstehen die "Dreifaltigkeitslehre" und die "Zwei-Naturen-Lehre".
Zunächst legt sich die alte Kirche auf dem 1.Ökumenischen Konzil 325 auf die "ewige Gottheit des Sohnes" fest.
Dann fordert der "Monophysitismus" (= Einnaturenlehre), die natürliche und reale Eini-gung von Gottheit und Menschheit in Christus zu lehren:
Maria, die Mutter Jesu, wird "Gottesgebärerin".
Der "Dyophysitismus" (= Zweinaturenlehre) will dagegen an der wirklichen Geschöpf-lichkeit der menschlichen Natur Jesu festhalten:
Maria, die Mutter Jesu, wird "Christusgebärerin".
Die 4.Ökumenische Synode von Chalcedon bekennt dann im Jahre 451 Christus als ”wahren Gott und wahren Menschen, der in zwei Naturen unverwandelt, aber auch ungetrennt und ungesondert erkannt wird”:
”Christus ist Mensch geworden, damit wir göttlich werden” (Athanasius).
Schließlich rückt im Abendland Anselm von Canterbury (1033 ‑ 1109) Schuld und Ver-gebung der Sünde in den Mittelpunkt der Theologie:
Gott mußte Mensch werden und am Kreuz Genugtuung leisten, wenn er nicht entwe-der seinen Schöpfungsplan aufgeben oder seine "verletzte Ehre" verlieren wollte:
Einzig das Todesopfer des Gottessohnes genüge zur Wiederherstellung der "Ehre Got-tes" und zur "Sühnung" der menschlichen Schuld.
Die germanischen Christen, deren Tradition wir folgen, nahmen die griechische Tradi-tion ihrer Zeit auf, blieben aber von der theologischen Entwicklung seit 325 unbe-rührt:
Sie neigten dazu, Jesus (bei aller "Göttlichkeit") Gott Vater gegenüber in einer Sonder-stellung zu belassen - und ließen sich im übrigen in ihrem Gottvertrauen nicht erschüt-tern.
Unter "Christus" verstanden sie die Würde Jesu als des göttlich bestätigten "Heils-trägers".