Das deutsche Wort "Gott" hängt mit "gut" zusammen. Das wird im Gotischen deutli-cher, wo das Wort "gud" auch "Gott" bedeutet.
Bevor die Goten Christen wurden, sprachen sie von das "gud", das "Gute", das "Gott". Unter dem Einfluß des Christentums wurde aus das "gud" – der "gud":
Das unpersönlich Gute wurde persönlich - der Gute: Gott = das Gute, der Gute.
Wie kommt der Mensch auf Gott? Gott ist in der Natur des Menschen begründet:
Alles Verlangen in der Natur geht auf Gutes; es gibt kein Verlangen in der Natur, das auf Nicht-Gutes geht.
Was aber ist das "Gute"? Wir wissen wir es nicht genau, aber wir können es fühlen, denn die Erlangung des Guten - macht glücklich.
Nehmen wir - das Liebesverlangen: Ziel der Liebe ist die Vereinigung des Liebenden mit dem Geliebten. Wir finden dieses Verlangen überall in der Welt, wo sich Männliches und Weibliches findet, also über das Menschliche hinaus auch in der Welt der Tiere.
Da die Liebesvereinigung glücklich macht, ist sie ein "Gutes". Der glücklich machende körperliche Vorgang ist die Zeugung, die natürliche Folge - die Geburt.
Sinn der Zeugung ist Fortpflanzung. Warum ist Fortpflanzung gut? Warum macht sie glücklich?
Weil wir uns in der Zeugung als Vergängliche dem Unvergänglichen nähern:
Wir empfinden das Unvergängliche als gut - weil wir vergänglich sind: In unseren Kin-dern leben wir fort; sie setzen unser Leben über unseren Tod hinaus fort - im Leben der Menschheit.
Nicht anders ist es bei den Tieren: In der ganzen Natur, so scheint es, strebt das Ver-gängliche nach Unvergänglichem.
Die Annäherung an das Unvergängliche macht das Vergängliche angenehm, sie hebt das Wohlbefinden, macht glücklich, wird als Gutes empfunden.
Die Liebe ist dem Schönenverbunden: Das Schöneerweist das zur Liebe Geeignete.
Die Zeugung geschieht im Schönen, denn das Schöne istdas Liebens-Würdige, wie das Liebens-Würdige das Schöne ist.
Die Liebe meidet das Häßliche, das zur Fortpflanzung Ungeeignete. Das Häßliche ist das zu Vermeidende, das Nicht-Gute.
Dem Häßlichen weicht die Liebe aus, es schreckt die Liebe ab; es unterdrückt das Verlangen.
Liebe ist nicht auf das Leibliche beschränkt: Ihre Gesetze gelten auch in der Welt des Bewußtseins, des Geistigen:
Auch hier sucht das Verlangen das Schöne, auch hier strebt das Verlangen, im Schö-nen "zu zeugen" und "zu gebären".
Was ist das geistig Schöne? Was bedeutet "zeugen" und "gebären" im Geiste?
Auch im Geiste gibt es Vergängliches, auch im Geiste gibt es Unvergängliches.
Auch im Geiste sucht das Vergängliche die Annäherung an das Unvergängliche.
Die Annäherung des Leiblichen an das Geistige ist bereits eine Annäherung des Ver-gänglichenan das Unvergängliche:
Das Leibliche vergeht im Tode, das Geistige aber überdauert den Tod - jedenfalls im Bewußtsein der Menschheit. "Zeugen" und "Gebären" im Geiste bringt ein Geistiges hervor, das vor seiner "Zeugung" und "Geburt" nicht in der Welt war.
Das geistig Schöne ist das geistig Liebens-Würdige.
Die Ebenen des Verlangens sind also hierarchisch gestuft: Von Ebene zu Ebene nähert sich das Vergängliche dem Unvergänglichen.
Wie weit einer geht, hängt von seiner Veranlagung ab: Der leibliche Mensch verwirk-licht das Verlangen eherim Leiblichen, der geistige Mensch verwirklicht das Verlangen eher im Geistigen.
Alles aber bewegt sich auf das Unvergänglichezu: Stufe um Stufe kommt es ihm näher, bis es das Gute und Schöne an sich erreicht –
GOTT, das ewig Unvergängliche, Gute, Schöne und Wahre zugleich.