Auf der Eingangsseite haben Sie Worte einer Sprache gelesen, die Sie wahrscheinlich nicht kennen (AIKKLESJO...): Es sind gotische Worte.
Wir verwenden sie, weil wir in der Tradition des "gotischen" Christentums stehen. Was hat es damit auf sich?
Die verbreitete Vorstellung denkt bei "Christianisierung" von Germanen an Karl den Großen und die Sachsen und vielleicht noch an Bonifatius. Alles andere ist zumeist unbekannt.
Daß fast ein halbes Jahrtausend vor Bonifatius die ersten Boten des Christentums als römische Kriegsgefangene zu den Goten kamen, ahnen die wenigsten.
Die Goten, diese kühnen, wagemutigen und besonders begabten Träger des Germa-nentums haben das Christentum aufgenommen und es dann an andere Germanen-stämme weitergegeben.
Waffenlos, ohne Machtmittel, ohne Hintergedanken, allein mit der inneren Kraft, die von der Wahrheit und der Wirklichkeit ausgeht, war das Christentum zu den Goten gekommen.
Der gotische Bischof Wulfila (311 - 381) schuf für sein Volk die erste Bibelüberset-zung; sie war zwar unvollständig, wurde aber von allen Germanenvölkern übernom-men, die damals christlich wurden.
Im 5. Jahrhundert leben bereits in jedem Germanenvolk auf römischen Boden "Heiden" und "Christen" nebeneinander.
Um 600 sagt ein germanischer Bischof:
"Es schadet nichts, wenn jemand, der an Altären der Heiden und an einer Kirche Gottes vorübergeht, vor beiden sein Haupt entblößt."
Es war nicht germanische Art, in Glaubenssachen Zwang auszuüben.
Auf Generationen hinaus sind die Goten ein Brennpunkt der Christusgemeinde, ein lebendiges Zentrum des Christentums geblieben.
Die althochdeutsche Sprachforschung hat nachgewiesen, daß in kirchlichen Aus-drücken Deutschlands zwei Schichten vorhanden sind, von denen die eine auf latei-ische Worte zurückgeht, wie sie mit der späteren Christenmission zu uns gekommen sind, während die andere, ältere Schicht, gotischen Ursprungs ist und die Tatsache einer gotischen Christenmission im deutschen Sprachraum erkennen läßt.
Die Sprachforschung weist nach, daß die Wirkung der gotischen Christenmission bis zu den Sachsen gereicht haben muß, da auch dort einzelne jener Ausdrücke als ober-deutsche Fremdwörter in der alten sächsischen Sprache sichtbar sind.
Die Sachsen, die nach England auswandern und sich dort um das Jahr 500 eine neue Heimat schaffen, nehmen diese Ausdrücke schon mit, obwohl sie noch "Heiden" sind.
So umfaßt die Gotenmisson in ihrer Auswirkung sämtliche deutschen Stämme und ganz Europa. Nur die Macht der geschichtlichen Ereignisse hat sie zum Stillstand gebracht.
Ihren gewaltigen Dienst haben die Goten von 350 bis 568 getan:
Das Ergebnis war eine unabhängige germanische Christenheit, die von Nordafrika bis zum Harz und vom schwarzen Meer bis zum atlantischen Ozean reichte.
Welche Möglichkeiten der Entwicklung hätten sich ergeben, wenn die Germanenreiche auf römischem Boden Bestand gehabt hätten und nicht durch ihre Trennung von den Stämmen in der alten Heimat - nicht zuletzt aus Mangel an Menschen – untergegan-gen wären:
Die germanische Bevölkerung dieser Reiche war zahlenmäßig zu gering, um diese kühn geschaffenen Reiche auf Dauer halten zu können.
Das Frankenreich blieb nur durch ein besonderes Geschick außerhalb dieser Entwick-lung: Es wurde "katholisch".
Der Glaube der Franken war für die Germanen der gotischen Tradition "neuer" Glaube, der Glaube der gotischen Tradition wurde so - "alter" Glaube.
Niemand ahnte damals, welche welt- und kirchengeschichtliche Bedeutung die Wahl des "neuen" Glaubens durch die Franken einmal haben würde.
Wie wäre die Geschichte des Abendlandes verlaufen, wenn die "altgläubigen" germa-nischen Völker und ihre Reiche sich hätten halten, ihr Christentum sich hätte aus-wirken können?
Die Geschichte wäre sicher anders verlaufen: Die christlichen Völker hätten sich viel Leid erspart.
Jahrhunderte vor Bonifatius und Karl dem Großen haben sich Germanenvölker Christus freiwillig angeschlossen und das neugefundene geistliche Leben weitergetragen.